So kann es sich anfühlen
Eine Essstörung beginnt selten mit dem Essen selbst. Oft steht am Anfang der Wunsch, etwas im Griff zu haben – den Körper, die Gefühle, das eigene Leben –, und das Essen wird zum Ort, an dem dieser Kampf ausgetragen wird. Mit der Zeit kreisen die Gedanken fast nur noch um Kalorien, Figur und Gewicht, um das nächste Essen oder das Vermeiden davon. Der Blick in den Spiegel zeigt etwas anderes, als andere sehen.
Bei der Magersucht (Anorexie) wird immer weniger gegessen, das Gewicht sinkt, und trotzdem bleibt die Angst vor dem Zunehmen – oft begleitet von Frieren, Erschöpfung und Rückzug. Bei der Bulimie wechseln sich Phasen strenger Kontrolle mit Essanfällen ab, auf die Erbrechen, Fasten oder exzessiver Sport folgen, meist heimlich und mit großer Scham. Bei der Binge-Eating-Störung gibt es die Essanfälle ohne solche Gegenmaßnahmen; danach bleiben Ekel, Schuldgefühle und das Versprechen, dass es das letzte Mal war. Allen gemeinsam ist, dass das Essen zum Mittel geworden ist, mit Gefühlen umzugehen – und dass es sich immer weniger wie eine Entscheidung anfühlt.
Wann Hilfe sinnvoll ist
Nicht jede Diät und nicht jedes Unwohlsein mit dem eigenen Körper ist eine Essstörung. Aufmerksam sollten Sie werden, wenn Essen und Figur Ihre Gedanken beherrschen, wenn Sie Regeln aufstellen, die Sie nicht brechen dürfen, wenn Sie heimlich essen oder nach dem Essen Gegenmaßnahmen ergreifen, wenn Sie Verabredungen meiden, weil dort gegessen wird, oder wenn Ihre Stimmung von der Zahl auf der Waage abhängt. Auch Angehörige spüren oft früh, dass etwas nicht stimmt – ihre Sorge ist ein Signal, das ernst genommen werden darf.
Eine Essstörung betrifft Körper und Seele zugleich. Deshalb gehört zur Behandlung in der Regel eine ärztliche Begleitung: Hausärztin oder Hausarzt behalten etwa Gewicht, Kreislauf und Blutwerte im Blick, und bei Bedarf wird eine fachärztliche oder stationäre Behandlung einbezogen. Mit Ihrem Einverständnis kann die Psychotherapie mit dieser ärztlichen Behandlung abgestimmt werden. Bei akuten körperlichen Warnzeichen wie Ohnmacht, Herzstolpern oder starker Schwäche wenden Sie sich bitte direkt an eine Ärztin oder einen Arzt, in Notfällen an den Notruf 112; in seelischen Krisen ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 für Sie da.
Wie Verhaltenstherapie hilft
Die kognitive Verhaltenstherapie arbeitet bei Essstörungen auf zwei Ebenen gleichzeitig: am Essverhalten und an dem, was es aufrechterhält. Am Anfang steht ein genaues Verständnis Ihrer persönlichen Essstörung – welche Regeln gelten, welche Situationen Essanfälle oder Hungern auslösen, welche Aufgabe das Essen für Sie übernommen hat. Dazu gehört oft ein Esstagebuch, nicht zur Kontrolle, sondern um Muster sichtbar zu machen.
Ein zentraler Baustein ist der Aufbau eines regelmäßigen, ausreichenden Essens, Schritt für Schritt und ohne verbotene Lebensmittel. Das ist in der Regel mit viel Angst verbunden – genau deshalb geschieht es geplant und begleitet, und Sie behalten die Entscheidung über jeden Schritt. Parallel arbeiten Sie an den Gedanken und Bewertungen, die die Störung tragen: der Gleichsetzung von Figur und Wert, dem Alles-oder-nichts-Denken rund ums Essen, der Überzeugung, nur durch Kontrolle sicher zu sein. Ein weiterer Baustein ist der Umgang mit Gefühlen, die bisher mit Essen oder Hungern reguliert wurden, und mit den Themen dahinter – Selbstwert, Perfektionismus, Beziehungen. Je nach Situation wird auch die Körperwahrnehmung gezielt bearbeitet, etwa durch Übungen zum Umgang mit dem eigenen Spiegelbild.
Wie Ihr Weg aussehen kann und wie wir ihn hier in Hamburg mit der ärztlichen Begleitung verzahnen, besprechen wir im Erstgespräch – ohne Vorgaben und ohne Druck.